Das Erzgebirge und sein Bergbau

Die ersten Silberfunde um 1168 nahe der heutigen Bergstadt Freiberg lockten zahlreiche Bergleute und Siedler aus Deutschland und Böhmen an. Danach erlangten die umfangreichen Silberfunde des Westerzgebirges große Bedeutung. Mit ihnen begann die Blütezeit des erzgebirgischen Bergbaus. Er prägte die Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens im 15. und 16. Jahrhundert entscheidend. Innerhalb weniger Jahre entstanden in den Zentren des Silberbergbaus die bedeutenden Bergstädte Schneeberg (1471), Annaberg (1496) und Marienberg (1521), die der Sächsische Kurfürst mit zahlreichen Privilegien ausstatte. Dies betraf vor allem die eigene Gerichtsbarkeit, Markt- und Braurechte sowie die Geleits- und Zollfreiheit. Als ein Kennzeichen für den Reichtum dieser "Silberstädte" enstanden zahlreiche monumentale Bauwerke. Besondere Bedeutung erlangten dabei der Freiberger Dom, die Sankt-Annen-Kirche in Annaberg, die Sankt-WoIfgangs-Kirche in Schneeberg sowie die prächtigen Rathäuser jener Städte.
Neben dem Silberbergbau entwickelten sich im 14. und 15. Jahrhundert im mittleren und östlichen Teil des Erzgebirges auch Zentren des Zinnbergbaues. Der Abbau konzentrierte sich um die Gebiete Gayer, Ehrenfriedersdorf und Altenberg. Da Zinn damals noch als "unedles" Metall galt, erlangte der Zinnbergbau nicht die wirtschaftliche Bedeutung des Silberbergbaues.
Auch das Spielzeugdorf Seiffen, heutiges Zentrum der erzgebirgischen Volkskunst, verdankt seine Entstehung dem Zinnbergbau. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes im Jahre 1324 als "cynsifen" weist daraufhin, daß zunächst Zinnkörner aus dem verwitterten Gestein, welches sich über Jahrtausende im Tal des Seiffener Gebietes abgelagert hatte, ausgewaschen oder bergmännisch "ausgeseift" wurden. Obwohl die Zinngewinnung in den sogenannten "Zinnseifen" noch bis etwa 1700 nachweisbar ist, begann ab etwa 1560 auch der Bergbau im festen Gestein, das heißt, der Abbau in Schächten und Stollen. Insgesamt war die Gewinnung von Zinnerz im Seiffener Gebiet jedoch nicht sehr ergiebig. Die letzte Grube wurde im Jahr 1849 stillgelegt.
Der Verfall des Bergbaus und seine Folgen
Nachdem der Bergbau das wirtschaftliche Leben im 15. und 16. Jahrhundert bestimmt hatte, begann er am Ende des 16. Jahrhunderts zu stagnieren. Hauptursachen hierfür waren das Nachlassen der Ergiebigkeil der vorhandenen Lagerstätten, die zunehmenden Aufwendungen für die Erschließung und den Abbau der Erze aus immer tiefer werdenden Gruben sowie der Anfang des 17. Jahrhunderts beginnende Preisverfall des sächsischen Silbers durch die billigen Importe aus Übersee, insbesondere aus Südamerika.
Für die Bergleute des Erzgebirges brach mit dem Rückgang des Bergbaues eine schwierige Zeit an. Ihnen wurde nach und nach ihre Existenzgrundlage entzogen. Auch mit den geringen Erträgen aus der Landwirtschaft auf dem kargen Boden des Gebirges vermochten die Bergleute ihre Familien nicht zu ernähren. Für viele nachfolgende Generationen der mit dem großen Berggeschrei im 15. und 16. Jahrhundert ins Gebirge gezogenen Bergmannsfamilien galt es nun, neue Erwerbsquellen zu suchen.
Große Bedeutung gewann für die Bergleute der im Erzgebirge reichlich vorhandene Werkstoff Holz. Mit ihm war der Bergmann schon aus seiner Tätigkeit beim Ausbau der Gruben oder als Bergzimmerling vertraut. Wenngleich sich diese Umstellung nur langsam und nicht ohne Probleme vollzog, fanden doch zahlreiche Bergmannsfamilien vor allem in den neuen Berufen der Holzverarbeitung oder im textilen Hausgewerbe eine neue Existenzgrundlage. Damit legten sie zugleich den Grundstein für das Entstehen und die Entwicklung der erzgebirgischen Volkskunst.
Quelle: "Erzgebirgische Volkskunst", Ingo Beer Verlag, Text Dr. Hellmut Bilz